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Charaktere hart an der Grenze zum Wahnsinn

BNN, 17. Juni 2009

Bruchsaler Exil Theater inszenierte tiefschwarze Groteske „Yvonne – die Burgunderprinzessin” in der HLA-Aula

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ie ist so ganz anders. Sie spricht so gut wie nichts, schaut immer in die andere Richtung, macht einen Schmollmund und hat irgendwie keine Lust auf gar nichts. Yvonne, die Burgunderprinzessin, ist so ganz anders als die königliche Gesellschaft. Keiner will sie, keiner mag sie. Sie funktioniert nicht und irritiert genau deshalb ihre höfische Umwelt. Irgendwie also kein Wunder, dass sich Prinz Philipp an ihr seine Hörner abstoßen will. Gelangweilt von der Oberflächlichkeit bei Hofe will er sich mit Yvonne verloben. Vielleicht gibt sie ja seinem Leben einen Sinn?

„Yvonne – die Burgunderprinzessin” heißt die neueste Inszenierung des Bruchsaler Exil Theaters, eine tiefschwarze Groteske nach Witold Gombrowicz. „Pomp and Circumstances” beginnen schon im Theaterfoyer: rosa Teppich, rosa Röschen, rosa Speck-Mäuse und knatschelige Marshmallows. Kitsch und Geglitzer der königlichen heilen Welt. Aber so heil ist sie nicht. Prinz Philipp scheint wie der Löwe im Käfig, verhätschelt-behütet auf der Suche nach Sinn.

Die Inszenierung von Marco Feßler lässt im barocken dunkelroten Bühnenbild mit weihnachtlicher Blinkdekoration und Operetten- und Walzerklängen alle Figuren in Schwarz erscheinen. Gepaart mit den künstlichen, ballettösen Bewegungen erinnern die Charaktere so eher an Marionetten als an mündige Menschen. Auch mit Pantomimen lassen sie sich vergleichen, reduziert auf das minimal Menschliche. Wie lächerlich wirkt da die Schweinchenrosa-Krone des Königs, die problemlos gegen ein närrisches Marienkäferkäppchen ausgetauscht werden kann. Eines von geschickt gesetzten Details der Inszenierung.

Marco Feßler gelingt es, die königliche Familie und ihren Hofstaat völlig bloß zu stellen. Wobei man gar nicht mal unbedingt den Eindruck haben muss, dass diese Marionetten blaues Blut haben. Nein, durch ihr Äußeres stehen sie stellvertretend für das Ehepaar, das seit Jahren aneinander vorbeilebt, für den Sohn, der sich nach dem Sinn sehnt, für die selbstsüchtigen Mitmenschen, die mit Scheuklappen durchs Leben gehen, damit ihre heile Welt ja nicht zerstört wird.

Fabelhaft setzt Feßler dafür das Lachen als zentrales dramaturgisches Element, als roten Faden, ein. Freilich nicht freundlich, befreiend, sondern hinterhältig und hämisch. Und es entwickelt sich vom anfangs gekünstelten Alltagslachenvon König und Königin hin zum schizophrenen, diabolisch-mörderischen Lachen der ganzen Hofgesellschaft.

Doch urplötzlich hält ihnen Yvonne – so ganz wortlos – den Spiegel ihrer Unzulänglichkeiten vor. Yvonne, die wie eine Puppe aussieht und wie eine Puppe herumstakselt. Solche Menschen kann die Gesellschaft nicht gebrauchen. Solche Menschen werden sang- und klanglos geopfert. Bei Hofe, in der Firma, im Büro, in der Familie. Gestern, heute.

Es ist eine enorme Leistung, die dieses absurd-böse Stück den Akteuren abverlangt. Jeder muss einen Charakter hart an der Grenze spielen, an der Grenze zum Wahnsinn. Aber das gelingt dem Ensemble insbesondere durch die Wandelbarkeit der Stimmen [...]

[Pia Hendel]

 

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